"Oh, Johnny boy, oh, Johnny boy, get up because the world has left you lying on the ground..." In der halbleeren Flasche schlug der goldfarbene Whiskey bei jedem seiner Schritte ein paar Wellen. Calvin war nicht in Eile und doch sah man ihm an, dass er ein bestimmtes Ziel vor Augen hatte. An diesem frühen Abend war es zur Abwechslung mal nicht der Saloon.
"You're my pride and my joy, oh Johnny boy, get up, my Johnny boy, because we all need you now." Sein melodiöser Gesang war leise, erinnerte mehr an ein an sich selbstgerichtetes Murmeln. Und es endete erst, als Calvin vor einer Haustür stehenblieb und das knarzende Holz unter seinen Stiefeln verstummte. Noch bevor er gegen das Türblatt klopfte, schob er seinen Hut ein Stück zurück, rieb sich über die Oberlippe und klopfte dann dagegen. Nicht polternd, nicht zu laut, aber auch nicht so zartbesaitet wie so manches Frauenhändchen.
Nachdem man ihn am 31. August aus dem Gefängnis entlassen hatte, weil es absolut keinen Sinn machte, ihn länger als nötig einzusperren, war er so spät auf der Snowflake Ranch erschienen, dass er sich hatte verstecken und anschliessend eine Ausrede einfallen lassen müssen. Am Ende des Tages hatte er fünf Versionen seiner Abwesenheit in Umlauf gebracht und Alcott hatte zu seinem Glück an diesem Tag gar nicht bemerkt, dass er nicht da gewesen war. Zumindest hatte er nichts gehört und sie hatte ihn auch nicht wutentbrannt aufgesucht. Die Cowboys auf der Ranch waren mit seiner Unzuverlässigkeit bereits vertraut und Calvin war weder einer der tragenden Säulen der Ranch noch so wichtig, dass man sich länger mit ihm beschäftigen musste. Insofern hatte er einmal mehr mehr Glück als Verstand gehabt. Dies deutete Calvin jeweils als Zeichen dafür, dass irgendwo da oben im Himmel jemand auf ihn aufpasste. Gott vermutlich. Gott mit dem seltsamen Humor, den er für ihn offenbar übrighatte.
Die nächsten Tage verbrachte er dann doch hauptsächlich mit Arbeiten, die auf der Snowflake Ranch so anfielen. Ausserdem hatte er Simones kennengelernt und den Knirpsen beim Bau eines Baumhauses geholfen. Nun ja, fertig war das noch nicht, aber Calvin konnte ja nicht immer blau machen. Irgendwann würde es Alcott auffallen und dann würde sie ihn in den Wind schiessen - oder in den Arsch. Das galt es natürlich zu vermeiden, denn abgesehen davon, dass er seinen Allerwertesten noch brauchte, war er auch ziemlich stolz auf ihn. Er war ansehnlich, wie er fand, auch in seinem Alter noch.
Doch trotz der ausgefüllten Tage schwirrte ständig die Frage in seinem Kopf herum, wie es John Clayton mit seiner Schusswunde ergangen war. Hatte er sein Ohr behalten können? Hatte man es ihm abschneiden müssen? Also den Rest davon? Hörte er noch gut oder wurde er jetzt grausig greisig wie der alte Moyers, der so gut wie taub war? Calvin hätte sich überhaupt nicht mit Clayton beschäftigen müssen. Der Sheriff war nicht sein Freund, seine Frau seine moralische Gegnerin und die Tochter ein kluges, vorwitziges Mädchen, welches ihn trotz aller Versuche nicht hatte herauslassen wollen.
Die Claytons hatten also eigentlich überhaupt nichts mit ihm am Hut und Calvin war vielleicht sogar besser dran, es so sein zu lassen. Aber das konnte er nicht. Er wollte wissen, wie es dem Sheriff ging. Und er wollte sich auch über das Gesicht von Emily Clayton amüsieren, wenn sie ihm gegenüber stand während kein Gitter sie voneinander trennte. Und, wenn es gut lief, würde er vielleicht erwähnen, wie schrecklich Gott es fand, dass alte Leute mit Lederriemen nach ihrem Nachwuchs schlugen. Aber ob er dieses Thema ansprach, wusste er noch nicht. Alcott war es schon nicht genehm, dass er sich bei ihr einmischte. Nur war sie anders als Clayton. Sie war... nun, sie hörte zu. Clayton dagegen würde vielleicht sauer werden und Calvin aus dem Haus werfen. Wenn er ihn überhaupt erst hineinliess!
Die Tür wurde aufgezogen und Calvin stand so nahe zum Türrahmen, dass er in ein überraschtes Gesicht blickte. "Guten Abend." Mit seinem Zahnlückengrinsen hob er die Whiskeyflasche hoch und schüttelte sie kurz. "Hier ist der Krankenbesuch. Mit richtig guter Medizin."
"You're my pride and my joy, oh Johnny boy, get up, my Johnny boy, because we all need you now." Sein melodiöser Gesang war leise, erinnerte mehr an ein an sich selbstgerichtetes Murmeln. Und es endete erst, als Calvin vor einer Haustür stehenblieb und das knarzende Holz unter seinen Stiefeln verstummte. Noch bevor er gegen das Türblatt klopfte, schob er seinen Hut ein Stück zurück, rieb sich über die Oberlippe und klopfte dann dagegen. Nicht polternd, nicht zu laut, aber auch nicht so zartbesaitet wie so manches Frauenhändchen.
Nachdem man ihn am 31. August aus dem Gefängnis entlassen hatte, weil es absolut keinen Sinn machte, ihn länger als nötig einzusperren, war er so spät auf der Snowflake Ranch erschienen, dass er sich hatte verstecken und anschliessend eine Ausrede einfallen lassen müssen. Am Ende des Tages hatte er fünf Versionen seiner Abwesenheit in Umlauf gebracht und Alcott hatte zu seinem Glück an diesem Tag gar nicht bemerkt, dass er nicht da gewesen war. Zumindest hatte er nichts gehört und sie hatte ihn auch nicht wutentbrannt aufgesucht. Die Cowboys auf der Ranch waren mit seiner Unzuverlässigkeit bereits vertraut und Calvin war weder einer der tragenden Säulen der Ranch noch so wichtig, dass man sich länger mit ihm beschäftigen musste. Insofern hatte er einmal mehr mehr Glück als Verstand gehabt. Dies deutete Calvin jeweils als Zeichen dafür, dass irgendwo da oben im Himmel jemand auf ihn aufpasste. Gott vermutlich. Gott mit dem seltsamen Humor, den er für ihn offenbar übrighatte.
Die nächsten Tage verbrachte er dann doch hauptsächlich mit Arbeiten, die auf der Snowflake Ranch so anfielen. Ausserdem hatte er Simones kennengelernt und den Knirpsen beim Bau eines Baumhauses geholfen. Nun ja, fertig war das noch nicht, aber Calvin konnte ja nicht immer blau machen. Irgendwann würde es Alcott auffallen und dann würde sie ihn in den Wind schiessen - oder in den Arsch. Das galt es natürlich zu vermeiden, denn abgesehen davon, dass er seinen Allerwertesten noch brauchte, war er auch ziemlich stolz auf ihn. Er war ansehnlich, wie er fand, auch in seinem Alter noch.
Doch trotz der ausgefüllten Tage schwirrte ständig die Frage in seinem Kopf herum, wie es John Clayton mit seiner Schusswunde ergangen war. Hatte er sein Ohr behalten können? Hatte man es ihm abschneiden müssen? Also den Rest davon? Hörte er noch gut oder wurde er jetzt grausig greisig wie der alte Moyers, der so gut wie taub war? Calvin hätte sich überhaupt nicht mit Clayton beschäftigen müssen. Der Sheriff war nicht sein Freund, seine Frau seine moralische Gegnerin und die Tochter ein kluges, vorwitziges Mädchen, welches ihn trotz aller Versuche nicht hatte herauslassen wollen.
Die Claytons hatten also eigentlich überhaupt nichts mit ihm am Hut und Calvin war vielleicht sogar besser dran, es so sein zu lassen. Aber das konnte er nicht. Er wollte wissen, wie es dem Sheriff ging. Und er wollte sich auch über das Gesicht von Emily Clayton amüsieren, wenn sie ihm gegenüber stand während kein Gitter sie voneinander trennte. Und, wenn es gut lief, würde er vielleicht erwähnen, wie schrecklich Gott es fand, dass alte Leute mit Lederriemen nach ihrem Nachwuchs schlugen. Aber ob er dieses Thema ansprach, wusste er noch nicht. Alcott war es schon nicht genehm, dass er sich bei ihr einmischte. Nur war sie anders als Clayton. Sie war... nun, sie hörte zu. Clayton dagegen würde vielleicht sauer werden und Calvin aus dem Haus werfen. Wenn er ihn überhaupt erst hineinliess!
Die Tür wurde aufgezogen und Calvin stand so nahe zum Türrahmen, dass er in ein überraschtes Gesicht blickte. "Guten Abend." Mit seinem Zahnlückengrinsen hob er die Whiskeyflasche hoch und schüttelte sie kurz. "Hier ist der Krankenbesuch. Mit richtig guter Medizin."






